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fruehlingsgedichte

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fruehlingsgedichte [2010/03/21 12:18]
akolbe
fruehlingsgedichte [2010/03/21 12:19] (aktuell)
akolbe
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 +===== Frühlingsgedichte =====
 +  * Haiku 
 +  * Die Sorglichen (Gustav Falke) ​
 +  * Vorfrühling (Hugo von Hoffmannsthal) ​
 +  * Vorfrühling (Ina Seidel) ​
 +  * Gedichte vom Kalten Berg - 28 (Hanshan) ​
 +  * Nordischer Frühling (Edith Södergran) ​
 +  * Festnacht und Frühgang (Detlev von Liliencron) ​
 +  * Und weil ich (Dorothea Grünzweig) ​
 +  * Passion (Ausschnitt) (Dorothea Grünzweig) ​
 +  * Frühling (Theodor Fontane) ​
 +=== Haiku ===
  
 +<​blockquote>​Der Frühling fängt an  \\
 +und von neuem kehrt Dummheit \\
 +auf Dummheit zurück.<​cite>​Issa</​cite></​blockquote>​
 +
 +<​blockquote>​Für alle Türen \\
 +ist der Dreck der Holzschuhe \\
 +der Frühlingsanfang.<​cite>​Issa</​cite></​blockquote>​
 +
 +<​blockquote>​Der nahe Frühling \\
 +verschleiert den ganzen Tag \\
 +die Schlucht mit Regen.<​cite>​Toyo</​cite></​blockquote>​
 +
 +
 +<​blockquote>​Die letzten \\
 +nicht aufgefressenen Gänse \\
 +schreien im Frühlingsregen.<​cite>​Issa</​cite></​blockquote>​
 +    ​
 +
 +<​blockquote>​Du,​ Schleiereule,​ \\
 +nun glätte das Gesicht dir \\
 +im Frühlingsregen.<​cite>​Issa</​cite></​blockquote>​
 +
 +=== Die Sorglichen (Gustav Falke) ===
 +<​blockquote>​
 +Im Frühling, als der Märzwind ging, \\
 +als jeder Zweig voll Knospen hing, \\
 +da fragten sie mit Zagen: \\
 +was wird der Sommer sagen? ​
 +
 +Und als das Korn in Fülle stand, \\
 +in lauter Sonne briet das Land, \\
 +da seufzten sie und schwiegen: \\
 +bald wird der Herbstwind fliegen. ​
 +
 +Der Herbstwind blies die Bäume an \\
 +und ließ auch nicht ein Blatt daran. \\
 +Sie sahn sich an: dahinter \\
 +kommt nur der böse Winter. ​
 +
 +Das war nicht eben falsch gedacht, \\
 +der Winter kam auch über Nacht. \\
 +Die armen, armen Leute, \\
 +was sorgen sie nur heute?
 +
 +Sie sitzen hinterm Ofen still \\
 +und warten, ob's nicht tauen will, \\
 +und bangen sich und sorgen \\
 +um morgen.<​cite>​Text:​ Gustav Falke (1853-1916)
 +Musik: Alban Berg (1885-1935) - "Die Sorglichen",​ 1907</​cite></​blockquote> ​
 +
 +=== Vorfrühling ​ ===
 +<​blockquote>​Es läuft der Frühlingswind \\
 +Durch kahle Alleen, \\
 +Seltsame Dinge sind \\
 +In seinem Wehn.
 +
 +Er hat sich gewiegt, \\
 +Wo Weinen war, \\
 +Und hat sich geschmiegt \\
 +In zerrüttetes Haar.
 +
 +Er schüttelte nieder \\
 +Akazienblüten \\
 +Und kühlte die Glieder, \\
 +Die atmend glühten.
 +
 +Lippen im Lachen \\
 +Hat er berührt, \\
 +Die weichen und wachen \\
 +Fluren durchspürt.
 +
 +Er glitt durch die Flöte \\
 +Als schluchzender Schrei, \\
 +An dämmernder Röte \\
 +Flog er vorbei.
 +
 +Er flog mit Schweigen \\
 +Durch flüsternde Zimmer \\
 +Und löschte im Neigen \\
 +Der Ampel Schimmer.
 +
 +Es läuft der Frühlingswind \\
 +Durch kahle Alleen, \\
 +Seltsame Dinge sind \\
 +In seinem Wehn.
 +
 +Durch die glatten \\
 +Kahlen Alleen \\
 +Treibt sein Wehn \\
 +Blasse Schatten
 +
 +Und den Duft, \\
 +Den er gebracht, \\
 +Von wo er gekommen \\
 +Seit gestern nacht.<​cite>​Hugo von Hoffmannsthal</​cite></​blockquote>​
 +
 +=== Vorfrühling ===
 +<​blockquote>​Durch die frühe Dämmerung \\
 +Geh ich ganz in Träumen hin, \\
 +Und ich weiß es nicht, warum \\
 +Ich so still und selig bin, \\
 +Dass mein Herz ganz hold und leicht \\
 +wie ein Veilchenstrauß sich trägt - \\
 +Plötzlich überkommt es mich: \\
 +Horch, die erste Amsel schlägt ...<​cite>​Ina Seidel</​cite></​blockquote>​
 +
 +=== Gedichte vom Kalten Berg - 28 ===
 +<​blockquote>​Vergebens plagte ich mich mit den Drei Geschichtsbüchern,​ \\
 +Vertan die Zeit des Brütens über den Fünf Klassikern. \\
 +Ich werde bis ins Alter gelbe Zensuslisten prüfen, \\
 +Und wie gehabt an weißen Steuerformularen sitzen. \\
 +Befrag ich das Yijing, dann prophezeit es Schwierigkeiten,​ \\
 +Mein Leben ist beherrscht von einem schlechten Stern. \\
 +Dem Baum am Flussufer werd ich wohl niemals gleichen, \\
 +Der Jahr für Jahr aufs neue grünt.<​cite>​Hanshan</​cite></​blockquote>​
 +=== Nordischer Frühling ===
 +<​blockquote>​All meine Luftschlösser geschmolzen wie Schnee, \\
 +all meine Träume wie Wasser zerronnen, \\
 +von dem was ich liebte blieb einzig mir: \\
 +ein blauer Himmel, ein paar blasse Sterne. \\
 +Sacht streicht zwischen den Fichten der Wind. \\
 +Verharrende Leere. Lautlos das Wasser. \\
 +Der alte Baum steht wach und denkt \\
 +an die weiße Wolke die er küsste im Traum.<​cite>​Edith Södergran</​cite></​blockquote>​
 +=== Festnacht und Frühgang (Ausschnitt) ===
 +<​blockquote>​Wir wandern durch die stumme Nacht, \\
 +Der Tamtam ist verklungen, \\
 +Du schmiegst an meine Brust dich an, \\
 +Ich halte dich umschlungen.
 +
 +Und wo die dunklen Ypern stehn, \\
 +Ernst wie ein schwarz Gerüste, \\
 +Da fand ich deinen kleinen Mund, \\
 +Die rote Perlenküste.
 +
 +Und langsam sind wir weiter dann, \\
 +Weiß ich's, wohin gegangen. \\
 +Ein hellblau Band im Morgen hing, \\
 +Der Tag hat angefangen.
 +
 +Um Ostern war's, der Frühling will \\
 +Den letzten Frost entthronen, \\
 +Du pflücktest einen Kranz für mich \\
 +Von weißen Anemonen.
 +
 +Den legtest du mir um die Stirn, \\
 +Die Sonne kam gezogen \\
 +Und hat dir blendend um dein Haupt \\
 +Ein Diadem gebogen.
 +
 +Du lehntest dich auf meinen Arm, \\
 +Wir träumten ohn' Ermessen. \\
 +Die Menschen all im Lärm der Welt, \\
 +Die hatten wir vergessen.<​cite>​Detlev von Liliencron</​cite></​blockquote>​
 +=== Und weil ich ===
 +<​blockquote>​Und weil ich schon immer ein Wandersmann war \\
 +erhebt sich mein flinkes Blut \\
 +verzeiht mir Herd und hochgraues Haus \\
 +mich reisst'​s hinweg über Stadt \\
 +über Land
 +
 +das Licht tritt Wände und Winterwerk nieder \\
 +klopft mir auf die hängende Stirn \\
 +füllt meine Kniekehlen dass sie sich öffnen \\
 +jagt meinen Wirbeln Leben ein nun gehör ich \\
 +zu ihm es schenkt mich \\
 +voll bis zum Überlaufen \\
 +ich geh fort es muss sein
 +
 +muss auf die Leuchttürme rundum steigen \\
 +mich verschleudern und allen Leuten \\
 +und allem Getier wie immer im \\
 +Frühjahr den Kopf verdrehn \\
 +muss reiten auf den zottigen Schären \\
 +auf allen allen der Ostseeherden \\
 +bis später
 +
 +die Mittsommerinsel \\
 +sich schimmelweiss schimmernd hervortut \\
 +einlädt auf sich und sämtliche \\
 +Sehnsuchtsundlichtlast hochnimmt \\
 +auf ihre Schultern
 +
 +Solange bestürmt mich mein \\
 +Wandersmannsblut so ist es im \\
 +Frühjahr hinaus muss ich \\
 +dann bis zum Herbst \\
 +Herd und Haus.<​cite>​Dorothea Grünzweig</​cite></​blockquote>​
 +
 +=== Passion ===
 +<​blockquote>​Der Garten dichtumwachsen \\
 +hinterm Pfarrhaus \\
 +das Grüngeschäum \\
 +der erste Kniestrumpftag sind \\
 +uns zu Kopf gestiegen \\
 +wir bauen Tuchpaläste zwischen \\
 +die Äste der Holunderbüsche warten \\
 +in Faltenröcken auf Prinzen \\
 +die uns finden uns frein und \\
 +schaukeln uns inzwischen \\
 +den Winter aus dem Leib 
 +
 +stoßen ab und fliegen fallen \\
 +toben neu hinauf und \\
 +ritzen einen Schrei ins Blau \\
 +sind wir ganz oben \\
 +schleudern Frühlingslieder in \\
 +heckversteckte Nachbargärten.<​cite>​Dorothea Grünzweig</​cite></​blockquote>​
 +
 +=== Frühling (Theodor Fontane) ===
 +<​blockquote>​Nun ist er endlich kommen doch \\
 +In grünem Knospenschuh;​ \\
 +"Er kam, er kam ja immer noch" \\
 +Die Bäume nicken sich's zu. 
 +
 +Sie konnten ihn all erwarten kaum, \\
 +Nun treiben sie Schuß auf Schuß; \\
 +Im Garten der alte Apfelbaum, \\
 +Er sträubt sich, aber er muß.
 +
 +Wohl zögert auch das alte Herz \\
 +Und atmet noch nicht frei, \\
 +Es bangt und sorgt; "Es ist erst März, \\
 +Und März ist noch nicht Mai."
 +
 +O schüttle ab den schweren Traum \\
 +Und die lange Winterruh: \\
 +Es wagt es der alte Apfelbaum, \\
 +Herze, wag's auch du.<​cite>​Theodor Fontane</​cite></​blockquote>​
fruehlingsgedichte.txt · Zuletzt geändert: 2010/03/21 12:19 von akolbe