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Aufklärung

Das Problem der halben Aufklärung

Dem Begriff der Aufklärung haftet im heutigen Sprachgebrauch etwas Historisches an im Sinne von etwas, das eher verstaubt, überholt und erledigt daherkommt. Gemeint ist im Allgemeinen die geisteswissenschaftliche Aufbruchsbewegung des 18.Jh., heraus aus den Schranken der kirchlichen Vormundschaft und dem Korsett der Ständegesellschaft.

Dabei tun wir meistens so, als sei die Aufklärung, die Kant, Lessing oder Voltaire propagierten, ein mittlerweile abgeschlossener Prozess, als seien die Ziele erreicht, und wir vollständig und abschließend aufgeklärt. Ganz anders legt es der Begriff der „halbierten Aufklärung“ nahe, wie ihn Michael Schmidt-Salomon verwendet.

Als „halbierte Aufklärung“1) bezeichnet er den Stand der Aufklärung, den wir nach seinem Dafürhalten tatsächlich bis heute erreicht haben, und das ist grade mal die erste Hälfte des Weges, auf den Kant uns geschickt hat und auf dem wir in der Mitte steckengeblieben sind.

Was unbestrittener Weise unter dem Label „Aufklärung“ stattgefunden hat und weitgehend abgeschlossen ist, ist die Befreiung des Individuums aus der Vormundschaft der Ständegesellschaft sowie die Etablierung einer Wissenschaft, die im Allgemeinen unbehelligt von der Kirche forschen darf und ihre jeweiligen Erkenntnisse und Wahrheiten unabhängig sammeln und unzensiert veröffentlichen darf. Einige Länder haben sogar zu einer konsequenten Trennung von Kirche und Staat gefunden – so zB Schweden, Uruguay, Frankreich und die Türkei. Was hingegen noch zu leisten ist, ist die Weiterentwicklung des befreiten Individuums zu einem eigenverantwortlich handelnden und selbstbestimmten Menschen. Dass dieser Schritt so schwer und langwierig ist, führt Erich Fromm auf eine in uns verankerte „Furcht vor der Freiheit“ zurück. Ein festgeschriebenes Gesellschaftssystem, in dem jeder Einzelne seinen festen Platz hat und eine überlieferte Weltanschauung, die Gewissheiten vermittelt, die man nicht zu hinterfragen braucht, geben uns Sicherheit und garantieren moralische Standards, die nicht mühsam erkämpft, widerlegt oder bewiesen werden müssen – also ein hohes Maß an Bequemlichkeit. Das erfordert nur wenig Eigenverantwortung und der Verlust solcher Gewissheiten stürzt den Menschen natürlicherweise in Zweifel und Angst.

Hier sieht Fromm – und Michael Schmidt-Salomon folgt ihm darin – eine Ursache für das Aufkommen totalitärer Systeme im 20. Jh.: Ein verängstigter Mensch lässt sich von autoritären Vorstellungen, von mythischen Heilsversprechungen und entindividualisierten Gesellschaftsformen wie sie das Dritte Reich und der Sowjet-Kommunismus anboten, leicht vereinnahmen. Diese Regime fungierten als Ersatz-Religionen.

Das führte Mitte des 20.Jhs. zum Vorwurf, die Aufklärung sei mitverantwortlich für die Entstehung von autoritären Gesellschaftsformen und deren diktatorischen Auswüchse. Ein haltloser Vorwurf, denn selbst wenn die Sehnsucht nach einem Heiland-artigen Führer, der alle Bürger ihrer Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortlichkeit enthebt, die Entstehung solcher Unrechts-Staaten begünstigt, sind diese doch nicht aus einem glaubens-freiem Raum hervorgegangen. Die Aufklärung hat ja keineswegs dazu geführt, dass die Religion in den europäischen Ländern des 20 Jh. keine Rolle mehr gespielt hätte. Es gab Staatsreligionen, die Kirchen hatten finanziellen und politischen Einfluss und erfreuten sich einer großen Anhängerschaft. So kann nicht ein Fehlen von spirituellen Angeboten zum Erfolg der autoritären Regime geführt haben. Vielmehr sollte im nächsten Schritt von Staatsseite aus die Macht der Kirche durch eine quasi-religiöse Ideologie ersetzt werden.

Die Aufklärung ist noch nicht vollendet - was heißt das für uns? Wahrscheinlich wird sie nie vollendet sein, sondern ist vielmehr eine immerwährende Herausforderung auf dem Weg der Menschwerdung. Aber es handelt sich nicht so sehr um eine noch ungelöste Aufgabe, sondern vielmehr um eine Aufgabe, die darin besteht, dass wir sie fortwährend annehmen. Das Ideal ist dabei nicht ein irgendwann vollständig aufgeklärter Mensch, sondern ein Mensch, der sich immer wieder von neuem selbst aufklärt. Ja, ein bisschen Sysiphos, aber beglückender, wenn man es verstanden hat.

1)
Eine Anmerkung zum Begriff der „halbierten Aufklärung“: Mir scheint es sinnvoller, von einer „halben Aufklärung“ oder noch besser einer „nur halb durchgeführten Aufklärung“ zu sprechen. Setzt doch eine Halbierung voraus, es habe bereits das Ganze gegeben, dass dann erst durch einen Eingriff zerteilt worden wäre.
aufklaerung.txt · Zuletzt geändert: 2012/02/08 11:10 von hkolbe